„Spieglein, Spieglein!“

Der Spiegel im Bad oder an der Garderobe ist ein nützliches Hilfsmittel um sein äußeres Aussehen in Augenschein zu nehmen. Auch beim Kauf eines neuen Kleidungsstückes ist ein Blick in den Spiegel notwendig, um feststellen zu können: Passt dieses Kleid, diese Hose oder der Anzug zu mir, trifft er meinen Geschmack? Schließlich sagt ein Sprichwort: „Kleider machen Leute.“
Spiegel haben im Leben eines Menschen vielleicht manchmal eine größere Bedeutung als ihm bewusst ist. Früh der erste Blick in den Spiegel gibt dem Betrachter eine realistische Prognose seiner morgendlichen Verfassung, nicht nur über die äußere, sondern auch von der inneren Befindlichkeit. Tagsüber, vielleicht oft unbewusst, der Blick in den Spiegel: Ist wirklich noch alles in Ordnung? Es ist tatsächlich gut, dass es diesen Betrachtungsgegenstand gibt, weil er nicht nur das Äußere eines Menschen widerspiegelt, sondern den Betrachter - und nur ihm allein - auch ein nach „innenschauen“ ermöglicht. Selbst am Abend sollte der letzte Blick dem Spiegel gehören, um ablesen zu können. Wie geht es mir? Wer bin ich? Der Mensch darf, um sein wahres “Selbst” erkennen zu können, vor dem „Gewissensspiegel“ hintreten, um hinter die Kulissen des eigenen „Ich” zu schauen.
Auch wenn diese Wahrheit eine gewisse Überwindung kostet, so ermöglicht sie doch eine realistische Selbstdiagnose und ist der Anfang für Erneuerung von Innen heraus. Den Spiegel der Selbsterkenntnis und der Wahrheit kann und darf sich der Mensch allerdings nicht nach Gutdünken aussuchen, an diese Grundwahrheit will uns die Fastenzeit erinnern. Die „Zehn Gebote“ als Richtschnur wollen die Entfaltung des Gewissens fördern, um innerlich frei zu werden.
Auch der heutige, von vielen äußeren und inneren Einflüssen geprägte Mensch, kann eine Befreiung erfahren, wenn er den Mut hat, zu seinen unterschiedlichen Lebensseiten zu stehen. Die Mitfeier des sonntäglichen Gottesdienstes will dazu Kraft geben. Wir brauchen uns nicht hinter der Spiegelfassade der Selbstgerechtigkeit, hinter Ideologien und momentan modernen Ansprüchen, hinter äußeren Floskeln, verstecken. Ich wünsche jedem Menschen den Mut, immer wenn er in den Spiegel schaut, ob am Morgen, tagsüber, oder am Abend, tiefer zu schauen als es das äußere Spiegelbild zulässt. Dieser Blick befreit von vielen Zwängen und ermutigt, ein zufriedener Mensch zu sein, ein Mensch der das Wesentliche vom Unwesentlichen unterscheiden kann und den die Gebote befähigen, aus der göttlichen Wahrheit zu leben. Ein solcher Mensch ist wahrhaft frei.
Ihr Diakon Alfred Trebes